Tideröhrichte gehören zu den sehr naturnahen Lebensgemeinschaften Deutschlands.

Sie sind an den Ufern der tidebeeinflussten Ströme und ihrer Nebenflüsse zu finden.

In Nordwestdeutschland sind dies die Unter- und Außenelbe, die Unter- und Außenweser, sowie die Mündungsbereiche der Ems.

Hier ist das Tideröhricht als ein mehr oder weniger breiter Streifen in den

Außendeichsflächen entlang der Flüsse mit ihren trichterförmigen Mündungen den Ästuaren zu finden.

An ein Tide- Schilfröhricht schließt sich wasserseits ein Strandsimsenröhricht an.

In dem die Strandsimse und die Salzteichsimse die häufigsten Arten sind.

Diese Abfolge der Vegetation ist für die Unterläufer der großen Norddeutschen Ströme typisch.

Die Standorte des Tideröhrichts sind dem Wechsel der Gezeiten ausgesetzt.

Unter diesen besonderen Standortbedingungen leben seltene Tier- und Pflanzenarten.

Was die sehr hohe naturschutzfachliche Bedeutung der Tideröhrichte ausmacht.

Zu dem dienen sie als Uferschutz und stärken die Selbstreinigungskraft unserer Flüsse.

Unsere Ästuare sind aber nicht nur Lebensraum seltener Pflanzen und Tiere, sondern auch wirtschaftlich wichtige Wasserstraßen.

Die Häfen der Tideströme stellen den Schnittpunkt der Hochseeschifffahrt mit dem mitteleuropäischen Güterverkehr dar.

Die Güterschiffe werden ständig modernisiert.

Jede neue Schiffsgeneration hat in der Regel einen größeren Tiefgang.

Weshalb die Fahrrinnen entsprechend vertieft werden.

Diese Anpassungen haben Auswirkungen auf die Tidewasserstände und die

Strömungsgeschwindigkeit, mit der die Tide in die Flussmündungen ein- und ausschwingt.

Wie reagieren die Ökosysteme der Flussufer auf diese geänderten hydrologischen Bedingungen.

Zunächst werfen wir einen Blick auf die Standortbedingungen unter denen das

Schilfröhricht und die ihm benachbarten Vegetationseinheiten gedeihen.

Ob an einem Ort Schilfröhricht wächst oder nicht, ist von vielen Faktoren abhängig.

Entscheidend ist aber der Faktor Wasser.

Schilf ist an Standorten besonders konkurrenzkräftig, die zeitweise unter Wasser stehen, da die Wurzeln durch einen

ausgeklügelten Lufttransport innerhalb der Pflanze mit Sauerstoff versorgt werden.

Schauen wir uns die Problematik anhand eines einfachen Modells an.

Zweimal täglich schwingt die Tide in die Ästuare ein und wieder aus.

Den dabei auftretenden durchschnittlichen Wasserstand bezeichnet man als Mittelwasser.

Die durchschnittliche Höhe, die die Tide erreicht, wird als mittleres Tidehochwasser (MThw) bezeichnet.

Den durchschnittlichen Tiefstand der Tide bezeichnet man als mittleres Tideniedrigwasser (MTnw).

Der Lebensraum der Tideschilfröhrichte ist vor allem von der Lage des MThw abhängig.

Optimale Entwicklung zeigt das Schilf vom MThw bis etwa 1/2 Meter darunter.

Oft ist dem Schilfröhricht eine Zone mit bereits erwähnten Strandsimsenröhricht flussseitig vorgelagert.

Dieses erträgt längere Überstauung, stärkere Strömungen und stärkere mechanische Belastungen durch Wellenschlag.

Weiter unterhalb sind die Bedingungen jedoch auch für die Strandsimse zu lebensfeindlich.

Oberhalb des Schilfröhrichts gedeihen unter natürlichen Bedingungen krautreiche Hochstaudenfluren und Auwälder.

Diese sind allerdings weitgehend in Weideland umgewandelt worden.

Durch die Vertiefung der Fahrrinne wird der Flussquerschnitt vergrößert, wodurch die ein- und ausströmende

Tide weniger stark gebremst wird und so kräftiger in die Flussmündungen ein- und ausströmen kann.

Der Tidenhub erhöht sich.

Durch das stärkere Einströmen des Wassers bei Flut steigt das mittlere Tidehochwasser.

Das stärkere Ausströmen bei Ebbe führt zu Erniedrigung des mittleren Tideniedrigwassers.

Da das MTnw stärker sinkt als das MThw steigt, sinkt auch das Mittelwasser.

Durch die Erhöhung des MThw werden Standorte in der Nähe des Flussufers etwas länger überflutet.

Dagegen werden weiter vom Fluss entfernt liegende sandige Böden, deren Wasserhaushalt

auf das Mittelwasser eingestellt ist, eher etwas trockener und damit besser landwirtschaftlich nutzbar.

Das Ausmaß der Änderungen liegt im Bereich von einigen cm.

Darüber hinaus erhöht sich die Strömungsgeschwindigkeit im Hauptgerinne.

Kommen wir nun auf das Schilfröhricht und seine Reaktion auf die veränderten hydrologischen Bedingungen zurück.

Besonders wichtig für den Lebensraum der Schilfröhrichte ist die Änderung des mittleren Tidehochwassers MThw.

Mit dessen Anstieg kann sich das Schilf theoretisch neuen Lebensraum oberhalb seiner alten Bestandsgrenze erobern.

An seiner unteren Bestandsgrenze verliert es dagegen an Lebensraum, da hier die Dauer der

Überstauung nicht mehr optimal für das Schilf ist und es der Konkurrenz durch die Strandsimse erliegt.

Im Idealfall verschiebt sich also der Lebensraum der Schilfröhrichte beim Anstieg

des MThw landwärts ohne dass ein Flächenverlust auftreten würde.

Dieser Idealfall ist in unserer Kulturlandschaft oft nicht gegeben.

Grenzt das Schilfröhricht mit seiner wasserabgewandten Seite an eine geographisch fixe Grenze, z.B. einen Deich, können die

wasserseitigen Flächenverluste an der landseitigen Grenze nicht ausgeglichen werden.

Es gibt theoretisch unendlich viele verschiedene Flussufer an den das Ansteigen

des MThw jeweils andere Auswirkungen auf den Lebensraum der Schilfröhrichte hat.

Der Betrag der Vegetationsgrenzenverschiebung ist von der Neigung des Ufers abhängig.

So kommt es z.B. bei einem Anstieg des MThw um 1cm und einer Neigung von 1 zu 100 zu einem zurückweichen der Vegetationszonen um 1m.

Beträgt die Neigung aber nur 1 zu 20, kommt es zu einem zurückweichen von nur 20cm.

Bei einer Neigung von 1 zu 3 schließlich, würden sich die Vegetationsgrenzen nur um 3cm verschieben.

Es kommt aber auch oft vor, dass der Deich weit vom Ufer entfernt liegt. In diesem Fall

könnten sich die Schilfröhrichte theoretisch ungehindert landwärts ausbreiten.

Häufig befinden sich hier jedoch beweidete Wiesen.

Diese reichen oft bis wenige cm über MThw und würden auch nach einer Verlagerung der Vegetationszonen weiterhin beweidet.

Die Beweidung könnte sogar noch intensiviert oder weiter in Richtung Fluss ausgedehnt

werden, da die sandigen Böden trockener und besser nutzbar werden.

So könnte das Röhricht an seiner oberen Grenze Lebensraum durch weiter fortdringende Beweidung

und an seiner unteren Grenze durch zu häufige Überflutungen verlieren.

Ein Anstieg des MThw um einen bestimmten Betrag kann also je nach Uferbeschaffenheit sehr unterschiedliche Auswirkungen in der Fläche haben.

Im Gegensatz zu den Verhältnissen im Hauptgerinne kann es in den Nebengerinnen, in denen sich nach Ausbaumaßnahmen strömungsberuhigtere Verhältnisse

einstellen können, durch Auflandungstendenzen eher zu einer Ausbreitung des Schilfs kommen.

Neben den Tidewasserständen wirken noch viele weitere Umweltfaktoren auf die Verbreitung und Entwicklung des Tideschilfröhrichtes.

Ein bedeutender Faktor ist der Wellenschlag durch Wind und Schiffswellen, die eine mechanische Belastung für das Schilf darstellen.

In vielen Fällen ist dem Schilfröhricht aber das Strandsimsenröhricht vorgelagert, das durch seine größere Toleranz gegenüber

Wellenschlag und Strömungsgeschwindigkeit das empfindlichere Schilfröhricht schützt.

Durch den Anstieg des MThw brechen die Wellen bei Tidehochwasser aber nun an etwas höher gelegenen Stellen.

Auch kann das vorgelagerte Strandsimsenröhricht durch die Erhöhung des MThw sowie der Strömungsgeschwindigkeit geschädigt werden,

sodass schließlich das Schilfröhricht dem Wellenschlag schutzlos ausgeliefert ist.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Stabilität des Schilfröhrichts ist das

Vorhandensein einer ausreichend großen genetischen Vielfalt des Schilfs.

Alte großflächige Schilfbestände bestehen in der Regel aus vielen Klonen.

Ein Klon ist eine Menge genetisch identischer Individuen.

Beim Schilf entstehen Klone, indem sich eine Mutterpflanze durch unterirdische Kriechsprosse verbreitet, aus denen neue Schilfhalme wachsen.

Diese von außen nicht unterscheidbaren Klonkolonien haben unterschiedliche Standortansprüche.

Sodass das gesamte System Schilfröhricht auf Störungen flexibel reagieren kann.

Bei einer Veränderung von Standortbedingungen profitieren diejenigen Klone, die mit den neuen Bedingungen gut zurechtkommen.

Sie dehnen sich aus, während andere Klone verschwinden oder kleiner werden. Wodurch die genetische Vielfalt schrumpft.

Dies kann geschehen, ohne dass die Gesamtfläche des Bestandes abnimmt.

Die Stabilität leidet aber dadurch, dass der immer noch gleich große Pflanzenbestand nun

eine eingeschränkte genetische Vielfalt besitzt und damit anfälliger auf Veränderungen reagiert.

Wie lassen sich alle hier vorgestellten Prognosen zusammenfassend werten.

Pflanzen- und Tiergemeinschaften sind die Endglieder ökologischer Wirkungsketten.

Sie verändern sich aufgrund einer Vielzahl äußerer und innerer Faktoren.

Neben ausbaubedingten Auswirkungen unterliegen die betrachteten Ökosysteme immer auch einer natürlichen Entwicklung.

In der Praxis ist es schwer ausbaubedingte und natürliche Ursachen für eine Veränderung voneinander zu trennen.

Je nach Situation können die prognostizierten Veränderungen durch Fahrrinnenanpassungen zu Verlusten oder wie zum Beispiel in

strömungsberuhigten Bereichen zu Zunahmen von Röhrichtflächen führen.

Das System wird aber auch bei nichtflächigen Verlusten durch zunehmenden Stress geschwächt

und damit näher an die Schwelle zum Zusammenbruch herangeführt.

In Zukunft wird es notwendig sein die ökologischen Prozesse unabhängig vom

geplanten Fahrrinnenanpassungen kontinuierlich und umfassend zu beobachten, um die Folgen genauer vorhersagen zu können.